ACHTUNG: Jetzt wird es sentimental – Erinnerungen eines Ehemaligen an 1991: David Jurga

Gestern erreichte uns ein Bericht von David Jurga, der hier seine Erinnerungen von vor 30 Jahren im Schachverein SV Unna 1924 mit uns teilen möchte. Wer das liest, spürt die Begeisterung von David für das, was Schach in Gemeinschaft alles sein kann, die Wehmut an alte Zeiten, und  was es in ihm bewirkt hat: Damals wie heute!

Doch lassen wir nun David zu Wort kommen:

Wenn Sie jemand fragt, was haben Sie vor 30 Jahren gemacht oder wo haben Sie Ihre Zeit verbracht, was antworten Sie darauf? Ja mit dieser Frage wurde ich nun aus heiterem Himmel konfrontiert und mein erster Gedanke war, “man bin ich alt geworden oder wie jung war ich damals!” Nachdem ich meine Finger zur Hilfe genommen habe kam ich auf 12 Jahre. Okay, oder auch 13, aber wer zählt schon. Thomas Rumpf kam auf mich zu, mein ehemaliger Jugend- oder sollte ich besser Kindertrainer sagen und fragte mich, ob ich nicht einen Jubiläumsbericht über die Deutsche Meisterschaft im Jahre 1991 schreiben möchte, in der die gerne genannte “goldene Generation” des Schachverein Unnas sich im Vorfeld qualifizierte und anschließend teilgenommen hatte.

Beliebig kann man auch die Wörter “goldene Generation” in Monsterbande austauschen.

Ja, wir waren schon ein bunter, talentierter Haufen an Schachspielern, die damals noch mit Günter Abromeit die Kreisliga unsicher machten und sich mit Caissa Hamm und SV Stockum heiße Gefechte in der Jugendbezirksliga lieferten und den einen oder anderen Titel auch nach Hause holten. Wir, das waren damals Christian Urbanczyk, Ulf Brockmann, Silke Hartleif, Jens Granseier und meine Wenigkeit. Alle von uns hatten Ihren eigenen Spielstil, der eine taktischer, der andere strategischer und wiederum der andere mehr Kamikaze. Und obwohl sicherlich Ulf der beste Einzelspieler von uns war (späterer NRW-Meister), so sah er manchmal auch recht alt aus in unseren Partien, und ich wiederum sah kein Land gegen Christian, der abermals phasenweite gegen Ulf unterging.

Jedes Wochenende sind wir von Turnier, Liga oder irgendwelchen Blitzturnieren geeilt, zwischendrin noch Training im Pavillon des Geschwister-Scholl Gymnasiums in Königsborn absolviert, wobei die eigentlichen Highlights der Woche immer das Zusammensein bei Günther mit den älteren Spielern (siehe heutiges SV Kamen) waren, in der auch mal gerne eine Partie Tandemschach oder Halma gespielt wurde. Die Eierschnitten von Brigitte waren legendär, wobei ich die zugegeben nie gegessen habe. Dafür durfte ich hier unter Ausschluss der Augen meiner Eltern so viel Cola trinken wie ich wollte. Unter heutigen Ernährungsgesichtspunkten sicherlich ein wenig fragwürdig. Manche Spieler beschwerten sich auch noch Jahre später über mein Zappelphilipp-Syndrom am Brett, vielleicht steckt hier die Kausalität?

An Wandlitz selber habe ich nur wenig Erinnerung. Trotzdem versuche ich mosaikhaft, meine Erinnerungen zusammenzusetzen, damit etwas Rundes daraus wird.

Laut Wikipedia ist Wandlitz ein Ortsteil der gleichnamigen Gemeinde nördlich von Berlin, die zum Landkreis Barnim im Land Brandenburg gehört und wer aufmerksam gelesen hat, fand das Turnier kurz nach der Wende statt. Und genau an dieser Stelle setzt auch meine erste Erinnerung ein. Der Umstieg im Berliner Bahnhof auf einen Zug der Deutschen Reichsbahn. Nicht nur, dass der Name sehr befremdlich klang dank schulischem Geschichtsunterricht, nein vielmehr fühlte ich mich nach dem gebotenen “Komfort” der Deutschen Bundesbahn in die Zeit zurückversetzt. Die Lokomotive war nämlich mit Kohle angetrieben und zum Spaß machten wir die Fenster auf und nebelten zugleich das ganze Abteil ein. Nach dem Ruß behafteten Ausstieg wieder so ein Moment in die Vergangenheit. Ich habe gefühlt zum ersten Male eine ganze Stadt mit Kopfsteinpflaster gesehen und am Rande standen bunte Trabis. Wie gesagt, alles unter dem Eindruck eines Kindes, der das Gesellschaftliche dahinter natürlich nicht einordnen konnte, aber erstaunt war über die “andere” Welt gegenüber dem Bekannten.

Zum Turnier selber habe ich wenig beizutragen. Wir waren wohl spielstärkebezogen im ersten Drittel gesetzt und am Anfang waren wir noch gut gestartet. Ich spielte am ersten Brett, wobei ich bis heute nicht weiß, was hier den Trainer geritten hatte, aber Gleiches kann man zuweil im Fußball ja auch nicht vom Trainer seiner Lieblingsmannschaft nachvollziehen. Ich kann mich noch konkret an eine Partie gegen den SV Hamburg erinnern, in der ich die vorher gelernte Spezialvariante von Frank Kleinegger im Königsindisch (g4!) anwendete und gewann. Frank wohnte im gleichem Viertel in Unna und gab mir neben Atari Mondlandekenntnisse auch ein wenig Hilfestellung im Eröffnungsspiel (Danke dafür). Nach meinem Sieg herrschte danach recht großer Trubel, was ich damals nicht ganz verstanden hatte, weil wir als Mannschaft ja glatt verloren hatten. Erst Jahre später meinte Thomas, ich hätte damals gegen Jan Gustavson gewonnen, späterer Deutscher Nationalspieler. Und da wundert es Einen dann nicht mehr, dass Schach ein Nischendasein in Deutschland fristet.

Schach war aber in der Woche relativ nebensächlich, 2 Partien am Tag schlauchten da schon unsere Kindsköpfe und zum anderen lenkten doch verlockendere Freizeitbeschäftigungen uns vom eigentlichen Zweck der Reise ab. Sei es der neue Gameboy von Ulf gewesen mit Super Mario Word auf 8Bit, Rundlauf um den Wandlitzsee, Begutachtung der “Ossiware” am Kiosk oder andere Fang-, Kletter- oder “wer kann mehr Schachfiguren auf einmal zu Boden werfen” –spiele, natürlich während der laufenden Turnierpartien. Daher war es wenig verwunderlich, dass wir am Ende eher im unteren Drittel der Tabelle angesiedelt waren. Dennoch gewannen wir einen eigens kreierten Sonderpreis als aktivste und lustigste Truppe. Na immerhin…

Schach in den Jahren davor und danach war ein großer Bestandteil meines damaligen Lebens, und obwohl ich nicht mehr aktiv spiele, haben mich diese Erlebnisse und die Fähigkeit, eine Stellung (Situation) zu analysieren und daraus die richtigen Züge (Schlüsse) zu ziehen entscheidend geprägt und davon zehre ich heute noch, sowohl beruflich als auch privat. Manchmal auch zum Unmut meiner Familie, wenn ich wieder in “Zeitnot” was eingekauft habe und danach eine überdimensionierte Hängematte den Balkon blockiert. Das wäre in der Tat nicht möglich gewesen ohne den unermüdlichen Einsatz von Thomas Rumpf, der seine freie Zeit aufgeopfert hatte, um seine Leidenschaft mit uns Kindern oder später Pubertierenden zu teilen und näherzubringen. Und das ging sicherlich über einen Zeitraum von 10 Jahren so, mit Licht und Schatten, mit Höhen und Tiefen, aber immer als eine Gemeinschaft und als Team. Auch wenn er nur mit Ostereier bezahlt worden ist von den unzähligen Blitzturnieren im Sauerland, so wenig sagt man doch rückblickend mit der Weisheit eines in die Jahre gekommenen Mannes auch im Nachhinein Danke. Das möchte ich hiermit ganz herzlich tun und meine Wertschätzung zum Ausdruck bringen.

Ich bin wohnhaft in Zürich und habe auch eine kleine Familie, und neben dem Arbeiten und dem Kind bleibt wenig Freizeit für einen selber und seine Freunde. Und das knappe Gut Zeit dann noch zu teilen mit lautstarken Monstern, dass verdient höchste Anerkennung. Und das Ehrenamt ist schlussendlich von entscheidender Bedeutung für ein aktives Vereinsleben und leistet im Falle der Jugendarbeit einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Beitrag zur Förderung und Entwicklung der nachfolgenden Generationen.

Ich war selber mal langjähriger Kassenwart (heute sagt man CFO) im SV Unna und auf diesem Wege wollte ich damals auch “etwas” zurückgeben an den Verein meines Herzens.

Herzlichste Grüße

David Jurga

PS: Cola trinke ich immer noch, Danke Günther und Brigitte.”

1991

21+

8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Lieber David, der Bericht ist mit so viel Herzblut geschrieben und ist etwas Besonderes hier in den Beiträgen! Da fällt mir gleich aus meiner Jugend meine eigene schachliche Entwicklung ein, die ich in meiner damaligen Heimat in Gladbeck begonnen habe. Der Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen, Meisterschaften und vor allem Spaß mit anderen Jugendlichen im Verein. Du hast mit so Vielem ins Schwarze getroffen! Ob es die logische Erfassung beim Schach oder auch in völlig anderen Lebensbereichen war, die nicht-schachlichen Erlebnisse mit den Schachkumpels oder die Reisen zu weiter entfernten Turnieren. Das hat auch meine Entwicklung damals erheblich beeinflusst. Nach einer Abstinenz von über 30 Jahren vom Vereinsleben und vom Schach habe ich hier beim SV Unna wieder “eine Heimat” gefunden. Also gib nicht auf und verzweifle nicht. Das Schach lässt einen nie ganz los und kommt wieder! Dann aber kommt mit der Freude die Verwunderung über sich selbst, warum man es so viele Jahre nicht mehr gemacht hat…

    Vielen Dank für Deinen tollen Bericht!

    7+
    Antworten
  • “Man soll nicht traurig sein, wenn eine schöne Zeit vorbei ist, sondern froh, daß man sie erlebt hat.”

    Als Spieler aus dem gleichen Schachbezirk habe ich den Schachverein Unna über 40 Jahre hinweg irgendwie begleitet. Meine Güte, was fallen einem für Storys ein.
    Auch das jährliche Open hat über viele Jahre nicht nur dem Schachsport gedient, sondern auch Menschen miteinander verbunden. Der Trend zum Schach im Internet stimmt mich allerdings traurig. Er kann nicht ansatzweise die wichtige Bedeutung der Vereinskultur für die Gesellschaft ersetzen.

    7+
    Antworten
  • Jo David schön von dir zu lesen ! Zürich erklärt die lange Sendepause tatsächlich. Jens Granseier hab ich letztens auch mal getroffen…der war 5 Jahre auf´ner karibischen Insel und hat von online Poker gelebt.^^ Schreib mich gerne mal an wenn du in der Nähe bist…das UCI steht immer noch und vielleicht machen sie auch mal wieder auf nach dem C-Wahnsinn ! ^^

    LG Volker

    2+
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  • Joachim Seibert
    22. Februar 2021 13:57

    Es ist schön zu sehen, dass die vielen, „Alten Unnaer Schachspieler“ den SV Unna noch nicht ganz aus ihren Augen verloren haben, obwohl sie in der Fremde ihr Glück gefunden haben. Für uns, die nach der Vereinskrise weiterhin dem Unnaer Schachverein angehören, ist es wichtig, dass unsere Mitglieder sich gerade jetzt in ihrem SV Unna wohl fühlen, damit auch wir in Zukunft gerne an die Zeit in unserem Schachverein zurück denken können. Den neuen und den alten Mitgliedern des SV Unna wünsche ich, dass das Unnaer Herzblut ewig durch unsere Adern fließt, und unsere Herzen auch in Zukunft nur für den SV Unna schlagen sollen. Die Siege und die Niederlagen werden auf dem Papier aufgeschrieben, die Freundschaften und die schönen Zeiten bleiben in den Herzen bestehen. Entsprechend dem Motto: Es findet zusammen, es wächst zusammen, was zusammen gehört, wollen wir die Zukunft gestalten.

    1+
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  • Aleksandr Barskij
    22. Februar 2021 21:42

    Super Bericht David!

    1+
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  • gern geschehen. Schön, wenn man liesst, dass es mit dem SV Unna wieder aufwärts geht. Und die Webseite ist wirklich toll gemacht.

    2+
    Antworten
  • Der Bericht ist ursprünglich vom 18.02.21. Da er aber in meinen Augen so toll geschrieben ist, habe ich ihn mal auf der Startseite etwas “höher” gesetzt vom Datum, damit er nicht gleich ins Archiv landet!

    2+
    Antworten

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